RECONQUISTA

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    Hitler und die Großindustrie

    Hitler empfängt Schacht

    Eines der „bestgehüteten Geheimnisse“ ?

    Als „eines der bestgehüteten Geheimnisse der Weltgeschichte“ und „Dunkles Geheimnis der Wallstreet“ wird derzeit eine These neu aufgewärmt, die essentieller Bestandteil der marxistischen Lehre ist: die Legende der Finanzierung Hitlers durch das - heute vor allem ausländische - Großkapital. Bemerkenswert daran ist, daß die Neuauflage dieses Narrativs in patriotischem Gewand auftritt. So schreibt Herausgeber Jürgen Elsässer in einer aktuellen Compact-Sonderausgabe: „Washington und London zogen die NSDAP vor allem deswegen anderen nationalistischen Parteien und Strömungen vor, weil sich Hitler in Mein Kampf  vehement für ein deutsch-britisches Bündnis gegen Russland ausgesprochen hatte – das paßte zur Globalstrategie der angelsächsischen Seemächte. Aus demselben Grund erfuhren Aktivisten im Umkreis der Konservativen Revolution keine Förderung.“ Tatsächlich aber verhält es sich genau umgekehrt: Die konservativen Kreise profitierten am meisten von Geldspenden des Großkapitals, das - wie Elsässer selbst schreibt - „zu diesem Zeitpunkt schon Überkreuzbeteiligungen mit amerikanischen Partnern hatte“. Erst 2019 hatte eine für den BDI ( Bundesverband der dt. Industrie) erstellte Studie* ergeben, daß die deutsche Wirtschaft mit Ausnahme Emil Kirdorfs und Fritz Thyssens gegen Hitler und für Hindenburg plädierte: „Bis zum Ende der Weimarer Republik“ wurde Hitler „weder vom RDI noch von Krupp von Bohlen mit einer Spende bedacht.“

    Ausländische Großspenden - Quellen Fehlanzeige

    Wer wann wieviel an die NSDAP gespendet haben soll, bleibt in der langen Liste der Literatur nebulös. So auch im neuesten Compact-Heft, das vor allem auf kommunistische Propaganda-Quellen wie den „Roten Aufbruch“ zurückgreift, wo es 1932 hieß, daß „gerichtliche Untersuchungen ergaben, daß Ford bereits im Jahre 1923 drei Mal größere Geldbeträge für Hitler angewiesen hatte“ und daß 1931/32 „der NSDAP 62 bis 68 Millionen Reichsmark zuflossen, davon 40 bis 45 Millionen von ausländischen Geldgebern.“ Dabei berief sich das kommunistische Organ auf eine Untersuchung der Reichsregierung von 1932, die auf Grundlage von Schätzungen und Pressespekulationen zu der Ansicht kam, daß von April 1931 bis April 1932 40 bis 45 Millionen Reichsmark von ausländischen Industriellen, aber nur fünf Millionen von inländischen Unternehmern an die NSDAP gezahlt worden seien. Weitere Quellen, von Gerüchten abgesehen, existieren nicht. Auch der renommierte Historiker Joachim Fest übernahm eine Erzählung eines „NSDAP-Aussteigers“, derzufolge Hitler 1923 nach Zürich gereist sei und mit einem Koffer voller Geld zurückkehrte. Verschiedenen Autoren zufolge mit Geld, das von jüdischen Kapitalgebern vermittelt worden sei, wobei vor allem der Name James alias „Sydney“ Warburg genannt wurde.**

    Bankier von Schröder und Putzi Hanfstaengl - die Kulissenschieber?

    Zwei Namen finden in dem Compact-Sonderheft besondere Erwähnung: Zum einen der Bankier von Schröder, in dessen Haus ein wegweisendes Treffen zwischen von Papen und Hitler 1932 stattfand, auf dem die Machtergreifung Hitlers eingefädelt worden sei; zum anderen Ernst „Putzi“ Hanfstaengl, der als deutschstämmiger US-Bürger Hitler früh unterstützte und ihm den Weg in die höhere Gesellschaft ebnete. Der in Compact zitierte Thorsten Schulte etwa sieht in Schröder einen wichtigen Kulissenschieber, da er auch in der Bank für internationalen Zahlungsausgleich - dem Vorläufer der IWF – tätig war und über internationale Verbindungen verfügte, über die natürlich auch Geld der Wallstreet geflossen sei. Beweise bleibt Schulte jedoch schuldig, so daß das Urteil der Historiker, denen zufolge Schröder trotz seiner Mitgliedschaft im Aufsichtsrat der damals nicht ganz so wichtigen Bank lediglich ein kleineres Rädchen im Bankbetrieb darstellt, kaum entkräftet werden kann. Auch die Bezeichnung Hanfstaengls als „Freund Roosevelts“, der womöglich als Wallstreet-Agent der NSDAP auf die Sprünge half, erscheint vor dem Hintergrund der tatsächlichen Fakten reichlich abstrus. Zwar kannte Hanfstaengl Roosevelt tatsächlich, seine „Freundschaft“ mit dem damals wichtigsten Mann der Welt schützte ihn jedoch nicht vor einer monatelangen Internierung, nachdem er sich 1939 mit Hitler überworfen hatte. Immer wieder erwähnt werden in diesem Zusammenhang auch die Brüder Allan (Vorstandsmitglied des Bankhauses Schroeder) und John Foster Dulles (amerikanischer Generalrepräsentant der deutschen IG Farben), die Hitler im Geheimen finanziell gefördert hätten, obgleich sie öffentlich gegen die NSDAP agitierten.

    Untaugliche Kronzeugen

    Insgesamt erweisen sich die von Compact präsentierten Beiträge als aufgewärmter kalter Kaffee: Beweise für die Wallstreetfinanzierung werden nicht erbracht, die einzigen nachweislichen Zahlungen Großindustrieller an die NSDAP vor 1933 bestanden in 100.000 RM von Shell-Aktionär Henri Deterding und 250.000 RM von Fritz Thyssen, doch selbst die hierfür präsentierten Belege sind angesichts der kommunistischen Propa- ganda-Quelle (Rote Fahne vom 28.4.1932) dünn. Und wenn man schon mal dabei ist, aus kommunistischen Quellen zu zitieren, wird auch der Reichstsagsbrand trotz gegenteiliger Forschungslage Göring und den „Nazis“ untergeschoben. Die vielfache Zitierung überholter Ansichten diverser Autoren erstaunt dabei um so mehr, als Herausgeber Elsässer einleitend durchaus korrekt den aktuellen Forschungsstand darstellt. Lediglich die hier vom Historiker Antony Sutton aufgestellte Liste von Spenden der Großfinanz an die NSDAP ist interessant, enthält aber nur überschaubare Zahlungen für den Zeitraum nach der Machtergreifung Hitlers, die für die hier aufgestellte These – des planmäßigen Aufbaus und der Steuerung der NSDAP – keine Rolle spielen. Die von Compact nahegelegte These der planmäßigen Stärkung Hitlers zur Kriegsvorbereitung durch Wallstreet-Banker trägt sie kaum. Letztlich scheitert diese These schon daran, daß Deutschland nach 1933 keinerlei internationale Bankkredite erhielt, was zweifellos der bequemere Weg gewesen wäre, um Deutschlands Aufrüstung und damit einen Krieg anzubahnen. Bei aller Kritik bleibt das Resumée des Hitlerbiographen Joachim Fest unwiderlegt, daß die finanzielle Basis der Partei „zweifellos die Mitgliedsbeiträge, kleinere Spenden opferwilliger Anhänger, Eintrittsgelder... und Sammlungen auf Veranstaltungen bildeten. Die bürgerliche Gesellschaft Deutschlands, so Fest, habe nicht nur die NSDAP, sondern „alle widerstandswilligen Kräfte gegen den Kommunismus unterstützt und wohl weniger Hitler nach oben helfen, als sich der energischsten Kraft gegen die Revolution bedienen wollen.“* Interessanterweise bringt Elsässer alle Hinweise bei Fest und anderen Autoren über Finanzierungen der NSDAP durch den Westen, unterschlägt aber Hinweise derselben Autoren über Finanzquellen aus dem Ostblock, insbesondere aus Ungarn und russischen Emigrantenkreisen.**

    Der wissenschaftliche Stand

    Bereits in den 1970er Jahren hatten deutsche und US-amerikanische Historiker die Legende von der Finanzierung der NSDAP durch das Großkapital entzaubert. Insbesondere den Historikern Horst Matzerath sowie Henry Turner, der die Finanzhilfen ausländischer Unternehmer als „bloße Gerüchte“ bezeichnete, gelang auf Grundlage zahlreicher Polizeiakten der Nachweis, daß die NSDAP „spätestens ab 1930... über sehr hohe regelmäßige Einnahmen allein durch das System der Selbstfinanzierung“ verfügte, durch das sie „einen erheblichen Grad an finanzieller Autonomie“ erreichte.* Compact stellt dies nun unter Verweis auf den russischen Historiker Nikolay Starikow in Frage, der resümiert, die inländischen Finanzspritzen seien zwar „wichtig, aber nicht entscheidend gewesen.“ Die Belege für diese Behauptung bleiben indes dürftig. Denn auch die lange behauptete Finanzierung der NSDAP durch deutsche Großindustrielle wie Fritz Thyssen und Emil Kirdorf setzte erst kurz vor der Machtübernahme der NSDAP ein und war weitaus geringer als lange Zeit behauptet.** Vor allem das Fazit von Fest paßt offenbar nicht in das Konzept der dogmatisch antiwestlich und prorussisch ausgerichteten Zeitschrift, die auch kommunistische Relikte wie den Antifaschismus als essentiell betrachtet: „Der antikapitalistische Effekt des Nationalsozialismus“, so Fest, sei „vom eifersüchtigen linken Zeitgeist niemals ernst genommen worden.“ Unbestritten aber sei, daß Hitler für „materielle Hilfeleistungen keine bindenden Verpflichtungen“ eingegangen sei.*** Doch was ist mit den angeblichen „Verhandlungen Hitlers mit US-Bankiers im Berliner Hotel Adlon, bei der „Freimaurer Schacht eine wichtige Rolle“ gespielt haben soll, wie Compact schreibt?

    Schacht und die Finanzpolitik der NSDAP

    Der als Freimaurer aktive Reichsbankpräsident Schacht (1933-1939) war seit 1934 sogar Reichswirtschaftsminister, wurde nach 1937 jedoch schrittweise entmachtet, vor allem weil er die Autarkiepolitik des Dritten Reiches ablehnte, die für die Unabhängigkeit Deutschlands vom internationalen Großkapital sorgen sollte. Selbst die nachweisliche anfängliche Zustimmung für Hitler in der angloamerikanischen Welt bedeutet nicht, daß man Hitler auch finanziell, unterstützt hätte, auch wenn in den USA Spendensammler für die NSDAP tätig waren. Gerade die führenden Politiker und Wirtschaftsbosse, die Hitler früh zustimmend bewerteten, schwenkten sehr schnell um, als sich abzeichnete, daß Hitler sich nicht dem internationalen Finanzdiktat beugen wollte. Vor allem die 1933 eingeführten Mefo-Wechsel führten zu einer Unabhängigkeit der deutschen Wirtschaft vom internationalen Kapital. 1933 prophezeite der einflußreiche britische Lord Robert Vansittart: „Wenn Hitler scheitert, wird sein Nachfolger der Bolschewismus; wenn er Erfolg hat, wird er innerhalb von 5 Jahren einen Krieg bekommen.“ („Even Now“ London 1949, S. 69) General Fuller schrieb, daß Deutschland „auserkorenes Opfer des internationalen Großkapitals“ sei, da es ein „vernünftiges Finanzsystem“ eingeführt habe. Schließlich bestätigte auch Winston Churchill 1938 gegenüber dem deutschen Ex-Reichskanzler Brüning das Hauptziel des Krieges: „Was wir wollen, ist die restlose Vernichtung der deutschen Wirtschaft“****

    Zur Motivation Compacts

    Was aber bezwecken die Herausgeber von Compact mit der Aufbereitung alter kommunistischer Legenden, denen zufolge Kapitalismus und Nationalsozialismus zwei Facetten des Faschismus seien? Es handelt sich dabei um eine Verbindung von zwei Aspekten: Zum einen die Abgrenzung vom Nationalsozialismus, um für die Mitte der Bevölkerung lesbarer zu werden und sich für staatliche Organe unangreifbarer zu machen; andererseits, und dies könnte noch entscheidender sei, wird bei Compact eine Hofierung russischer Interessen deutlich, die sich vor allem in dem Narrativ einer kapitali- stisch-faschistischen Verschwörung gegen Rußland zeigt. Daß vor diesem Hintergrund die Wahrheit mitunter auf der Strecke bleibt, liegt auf der Hand.

    Anmerkungen

    * Johannes Bähr/Christopher Kopper: Industrie, Politik, Gesellschaft Hitler und die NSDAP. Siehe auch https://www.welt.de/geschichte/article191775505/Das-Geld-der-NSDAP-Wie-die-Grossindustrie-Hitler-wirklich-unterstuetzte.html
    **siehe dazu Hermann Lutz: Fälschungen zur Auslandsfinanzierung Hitlers. VfZ 1954, S. 392 ff.) der dies bereits 1954 als Legende enttarnte.)

    ***  Joachim Fest: Hitler. TB-Ausg., Frankfurt 1996, S. 240f.
    **** Fest, a.a.O., S. 241.

    *****  Matzerath/Turner: Die Selbstfinanzierung der NSDAP 1930-32, S. 70; siehe auch Henry Ashby Turner: Die Großunternehmer und der Aufstieg Hitlers. Siedler Verlag, Berlin 1985, S. 85 ff)  
    ******  Turner a.a.O.
    *******  Fest a.a.O., S. 242
    ********  Dietrich Aigner: Churchill, 1975, S. 141 / Unabhängige Nachrichten, 3/1984, S. 4

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