RECONQUISTA

  • Der heilige Krieg Oder wie Rußland den Stalin-Mythos pflegt

     

    Als Josef Stalin am 2. August 1945 nach der Konferenz von Potsdam seinen Panzerzug in Richtung Moskau bestieg, hatte er seinen letzten großen Sieg errungen.
    In Potsdam stieg die Sowjetunion zur Weltmacht auf, sie trat gleichberechtigt an der Seite Englands und der USA. Sie hatte nicht nur militärisch gesiegt, sondern eine moralische Aufwertung ohne gleichen erfahren. Das Sowjet-Reich stand am Ende der Potsdamer Konferenz im Zenit seiner Macht, und Josef Stalin war das lächelnde Gesicht dieses Sieges.
    Stalin hatte den Triumph von Potsdam akribisch vorbereitet. Aus Furcht vor Anschlägen war er in einem Panzerzug mit drei Salon- und acht Schlafwagen angereist, 19.000 NKWD-Soldaten sicherten die 1950 km lange Strecke, alle 100 Meter ein Posten, Panzerzüge patrouillierten auf der Strecke. Sein Sicherheitsbedürfnis war notorisch. Beim „Parteitag des Sieges“ 1934 hatten 200 von 2000 Delegierten nicht für ihn gestimmt, er ließ darauf alle 200 bis auf sieben liquidieren. Sicherheitshalber. Um auf der Breitspur mit einem seiner fünf gepanzerten Züge bis nach Berlin anreisen zu können, ließ er schon im April 1945 Tausende Pioniere Schwelle für Schwelle auf die russische Spurbreite umstellen. In Potsdam war er Herr im Haus, das sollte der Westen spüren.
    Der Höhepunkt sowjetischer Macht war jedoch zugleich der Endpunkt alliierter Gemeinsamkeit. In Potsdam begann der Kalte Krieg. Das Ergebnis der Konferenz war dürftig. „Die Teilung der Beute“, wie sie Charles L. Mee beschrieb, war von Formel-Kompromissen und Absichtserklärungen bestimmt, die deutsche Frage wurde auf unbestimmte Zeit vertagt. Die „Westverschiebung Polens“, die Churchill mit dem berühmten Streichholzspiel 1943 auf den Weg gebracht hatte, sollte „human“ gestaltet, die Mitverantwortung des Westens verschleiert werden. Truman und Attlee nickten ab, was Roosevelt und Churchill preisgegeben hatten. Beide wirkten unerfahren und blass neben dem großen Diktator, der in weißer Paradeuniform das Geschehen am Konferenztisch bestimmte. Der Stalinkult erreichte gerade seinen Höhepunkt. So- bald der Name Stalin auf Versammlungen in Rußland fiel, erhoben sich alle und klatschten, - wer zu früh damit aufhörte, wurde am nächsten Tag nicht mehr gesehen. Was Stalin in seinem Arbeiter- und Bauern-Paradies machte, störte die Westmächte nicht. Was er in Osteuropa trieb, darüber hatten sie die Kontrolle verloren. Als Churchill später wähnte, man habe „das falsche Schwein geschlachtet“, waren die Fehler nicht wiedergutzumachen.
    So wie die Konferenz von Potsdam aller Welt den Triumph Stalins vor Augen führte, so markierte die Siegesparade am 12. Juni 1945 den Höhepunkt der Stalinzeit im eigenen Land. Im Triumphzug paradierten 10.000 Soldaten auf dem Roten Platz, unter den Klängen des Kampfliedes „Der heilige Krieg“ ritt Marschall Schukow hoch zu Ross die Front ab und meldete Stalin unter einem 10.000-fachen Hurra den Sieg der Roten Armee im „großen vaterländischen Krieg“.
    Der Krieg war seit Herbst 1941 zum heiligen Krieg erklärt worden, seitdem sendete der sowjetische Rundfunk jeden Morgen den martialischen Kampfgesang und schwor das Sowjetvolk auf die Heiligkeit des Kampfes ein. „Steh auf, steh auf, du Riesenland! Heraus zum heiligen Krieg! Den Nazihorden Widerstand! Tod der Faschistenmacht!“ so dröhnte es Tag für Tag aus den Lautsprechern.
    Die Botschaft hat Stalin überlebt. Sie ist heute fester Bestandteil des russischen Nationalbewußtseins.
    Die Kriegshymne drückte zornige Entschlossenheit und moralische Empörung gleichermaßen aus, sie wurde zur zweiten Nationalhymne der UdSSR. Diesen Status hat sie in Russland behalten, ebenso wie die Sowjethymne, die mit einem neuen Text heute als Hymne der Russischen Föderation fungiert.
    Nicht nur der Mythos vom heiligen Krieg hat die Sowjetunion überlebt. Für viele Russen ist Stalin nach wie vor ein großer Staatsmann, die Schrecken der Stalin-Zeit sind weitgehend vergessen. Das scheint ganz im Sinne der jetzigen Führung, die nationale Traditionen hochhält und ein ungebrochenes Geschichtsbewusstsein fördert. Die sowjetisch-russische Kontinuität zeigt sich Jahr für Jahr im Ablauf der jährlichen Siegesparade am 9. Mai.
    Das Zeremoniell folgt haargenau der Parade von 1945, die allen Russen als Höhepunkt ihrer Geschichte gegenwärtig ist. Wie damals nehmen die Truppen auf dem Roten Platz Aufstellung, Generäle schreiten die Fronten ab, melden dem Staatsoberhaupt den Sieg, und ein 3-faches Hurra aus den Kehlen von 10.000 Soldaten bildet den Höhepunkt der Siegesfeier. Ganz am Anfang beginnt die Zeremonie wie zu Stalins Zeiten mit dem Kampflied „Der heilige Krieg“.
    Seit Wladimir Putin in Russland regiert, dient der Jahrestag des Sieges mehr als je zuvor der Selbstversicherung der russischen Nation, 2020 erlebte der Rote Platz trotz Corona-Krise den größten Aufmarsch aller Zeiten.
    Die Erinnerung an den Krieg wird in Rußland wachgehalten.
 Für die Sowjetunion begann der 2. Weltkrieg erst am 22. Juni 1941, und alle Feldzüge davor, die mit großzügiger Unterstützung Englands in Polen, in Norwegen, in Frankreich oder auf dem Balkan stattgefunden hatten, waren dagegen weltpolitische Scharmützel, - Stellvertreterkriege, die das Herz der Hauptmächte nicht erreichten. England konnte seine Inselfestung weitgehend schadlos behaupten und auch die USA warfen - ähnlich wie im Ersten Weltkrieg - ihr militärisches Gewicht erst in die Waagschale, als die Kraft der anderen fast erschöpft und der Ausgang sicher war.
    Aus sowjetischer Perspektive ist eines klar: Dieser Krieg war ein sowjetischer Krieg, und dem Genossen Stalin gelang dabei der Griff nach der Weltmacht. Die Sowjetunion hatte den „Weltfeind“ geschlagen, hatte für die Menschheit riesige Opfer gebracht und die Last des Titanenkampfes fast alleine getragen. Das war die Grundlage eines neuen Selbstbewußtseins.
    Unter allen Gegnern Deutschlands hatte die Sowjetunion die höchsten Opferzahlen zu beklagen, ja selbst ihre Existenz aufs Spiel gesetzt. Das Schlagwort Opferzahlen gebietet zum Innehalten. Zahlen in Millionenhöhe lassen erschaudern, die Rede darüber schmerzt, je mehr man den Einzelnen im Blick hat. Russen und Deutsche betrauern heute Hochmut und Verblendung, die die Völker gegeneinander geführt haben.
    Opferzahlen sind umkämpfte Zahlen, Anlaß für Mythen und Glaubenssätze, Argumente im Kampf um die Interpretation der Geschichte. Die Zahlen sind mit Vorsicht zu verwenden.
    In seiner großen Studie „Russlands Krieg 1941– 1945“ kommt der britische Historiker Richard Overy zu dem Schluß, daß von den 34 Millionen Soldaten und Soldatinnen der Roten Armee insgesamt 6,2 Millionen gefallen sind. Eine ähnlich hohe Zahl hatte Stalin 1945 genannt. Overy konnte die nach 1990 von russischen Historikern angegebene Zahl von bis zu 26 Millionen militärischen Toten nicht bestätigen. Auch bei den zivilen Opfern des Krieges gehen die Schätzungen weit auseinander. Nach Overy wurden viele Sowjetbürger Opfer eigener „sowjetischer Brutalität und hätten ihr Leben auch ohne den Krieg verloren“.
    Die Zahl dieser Opfer ist die große Unbekannte. Daß Stalin einen Krieg gegen das eigene Volk führte, dem Millionen zum Opfer Gefallen sind, ist bekannt. Die Zahlen hierzu sind atemberaubend. Das Schwarzbuch des Kommunismus spricht von 100.000.000 Toten des Kommunismus insgesamt, im „Lexikon der Völkermorde“ beziffert Gunnar Heinsohn die Zahl der nicht-militärischen Opfer Stalins von 1923-1953 auf 51.755.000, davon über 13.053.000 während der vier Jahre des Krieges.
    Erst nach dem XX. Parteitag der KPdSU im Februar 1956, als der gewaltige Bevölkerungsverlust unter Stalin offenkundig wurde, machte Nikita Chruschtschow den Diktator auch für die hohe Zahl der militärischen Opfer verantwortlich. Die Säuberungen innerhalb der Armee und die rücksichtslose Forderung, „ständig Frontal-Angriffe zu führen“, hätten „zu gewaltigen Verlusten geführt“.
    Das paßte ins Bild der stalinistischen Menschenverachtung. Das Leben des Einzelnen war nicht viel wert, in der Armee weniger noch als im Zivilen. Traditionen aus der Zarenzeit wirkten nach, die fa- talistische Ergebenheit der Leibeigenen blieb prägend für die russische Gesellschaft, für Opfer und Täter. Auch in der Produktionsschlacht fungierte „die Materie Mensch als bedenkenlos eingesetzte Manövriermasse“, sie war für Stalin reichlich vorhanden und „weitaus wertloser als Maschinen“.
    Die hohe Todesrate in der Armee war nach Overy auch eine Konsequenz des stalinistischen Repressionssystems. Wer zurückging, lief dem NKWD in die Arme. Aus Furcht davor stürzten sich viele Soldaten ins feindliche Feuer. So waren die Todesraten teilweise zehnmal so hoch wie auf deutscher Seite. Wer in Gefangenschaft ging, galt als Verräter. Wer die Kriegsgefangenschaft überlebte, ebenfalls. Von über 5 Millionen bis 1953 repatriierten Sowjetbürgern landeten 80 Prozent im GULag, wo die meisten zu Tode kamen.
    Die Schonung der eigenen Soldaten und der Zivilbevölkerung war dem sowjetischen Machtapparat fremd. Das zeigte sich eindrücklich bei der Belagerung Leningrads. Während die deutsche Führung davor zurückschreckte, deutsche Soldaten in den verlustreichen Häuserkampf zu schicken, befahl Stalin seiner Geheimpolizei, die Stadt ohne Rücksicht auf Verluste zu halten und dabei den Hungertod von Hunderttausenden in Kauf zu nehmen.
    Nicht nur im Fall von Leningrad stellt sich die Frage: Wieviele Millionen war Stalin bereit zu opfern? In welchem Ausmaße waren die Kriegstoten Opfer der sowjetischen Tyrannei? Ein bedeutender Teil des Sowjetmythos besteht darin, die Opfer Stalins dem Kriegsgegner, also den Deutschen, zuzurechnen. Auf diese Weise wird der verbrecherische Charakter des Sowjetsystems verharmlost und der Mythos vom Opfergang Russlands aufrechterhalten.
    Eine noch viel weitergehende Frage schließt sich an.
Nicht wenige Historiker gehen davon aus, daß die Wehrmacht einem unmittelbar bevorstehenden Angriff der Roten Armee nur um wenige Tage zuvorgekommen ist. Auch sowjetische Historiker treten hierfür als Zeugen auf. Sowohl die Äußerungen Stalins wie auch der Aufmarsch der Roten Armee liefern Hinweise dafür, daß der Krieg für die deutsche Seite unvermeidbar war. Nach dieser Lesart hatte die Wehrmacht keine andere Wahl, als am 22. Juni 1941 dem Erstschlag des übermächtigen Gegners zuvorzukommen: Aus deutscher Sicht war das Unternehmen Barbarossa ein Präventivkrieg.
    Natürlich wurde die ahnungslose Bevölkerung der Sowjetunion von dem Angriff überrascht, vom grundlosen Überfall auf die friedliebende Sowjetunion und von der abgrundtiefen Boshaftigkeit der „Faschisten“ schrieb die Presse. Aber war der Angriff wirklich grundlos? Friedrich dem Großen wird der Satz zugeschrieben: „Angreifer ist, wer seinen Gegner zwingt, die Waffen zu erheben.“ Wer war hier Angreifer? Wie hoch war der Anteil Stalins an der Auslösung dieses Krieges? Wie glaubwürdig war der große Mörder an der Staatsspitze? Hätte er nicht gerne schon 1941 ganz Europa zu seiner Beute gemacht, statt 1945 an der Elbe halten zu müssen? War die aggressive Politik des Sowjet-Führers im Kreml nicht letztlich am ganzen Elend Russlands schuld?
    Niemand kann die Millionen Toten in der Sowjetunion in Zweifel ziehen.  Sie mahnen über alle Grenzen hinweg zu Trauer und Gedenken. Aber die Frage: Auf wessen Konto gehen sie? stellt sich unabhängig davon, wen man als Verursacher des Rußlandkrieges ansieht. Und sie stellt sich umso schärfer, je mehr man die Praventivkriegsthese für wahrscheinlich hält.
    Der Sowjetmythos vom Heiligen Krieg wird heute dennoch unnachgiebig aufrechterhalten. Das Festhalten daran hat mehrere Gründe. Zum einen leugnet Rußlands Machtelite die Kriegsschuld der Sowjetunion. Sie bestreitet damit die eigene Verantwortung für die vielen Millionen Toten im Kriege und sie bringt die Millionen von Opfern, die das sowjetische Terrorsystem gefordert hat, in einer angeblich undurchsichtigen Vergangenheit zum Verschwinden. Die russische Führung mag mit noch so großer Inbrunst jedes Jahr den „Heiligen Krieg“ beschwören und die Großartigkeit Russlands feiern, der inneren Größe der russischen Nation täte eine ehrliche Aufarbeitung der Vergangenheit keinen Abbruch. Im Gegenteil. Sie wäre Zeugnis einer historischen Wende.

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