RECONQUISTA

  • 31-12-23 18:25 Alter: 114 Tage

    Keltomanie, Phönizierseuche, Römer- und Etruskerwahn

    Gustaf Kossinna über Verirrungen der zeitgenössischen Vorgeschichtsforschung

    Gustaf Kossinna Seddin
    Gustaf Kossinna - Darstellung des Königsgrabes von Seddin

    […] Als der Rektor Danneil in Salzwedel auf Grund seiner Ausgrabungsergebnisse und ebenso der Museumsdirektor Chr. J. Thomsen in Kopenhagen auf Grund der dänischen mehr aus Zufallsfunden zusammengesetzten vorgeschichtlichen Sammlung, also jeder in selbständiger Weise, das sog. Dreiperiodensystem entdeckt hatten, d. h. die zeitliche Folge eines Steinzeitalters, Bronzezeitalters und Eisenzeitalters, und diese Lehre zufällig zu gleicher Zeit, im Jahre 1836, veröffentlichten, da hatte man im Norden und in Norddeutschland die Meinung, die in Südeuropa entstandene und zu Homers Zeiten herrschende Bronzekultur sei später, aber noch vor Cäsar, zu den Kelten nach West- und Mitteleuropa vorgedrungen und schließlich in frühgeschichtlicher Zeit, etwa um Chr. Geb., zu den Germanen gekommen, wo sie bodenständig geworden sei, nachdem inzwischen in Südeuropa die Bronzekultur längst durch die Eisenkultur verdrängt worden war. Wenn diese Anschauung auch noch sehr weit entfernt war von einer richtigen Einschätzung der europäischen Kulturverhältnisse zur Bronzezeit, so war sie doch für ihre Zeit erstaunlich vernünftig. Da sie aber für den germanischen Norden eine gewisse Selbständigkeit frühgeschichtlicher Kulturschöpfung behauptete, konnte sie in Deutschland nicht durchdringen gegenüber jenen damals aufkommenden Neigungen der Wissenschaft, in phantastischer Weise eine ins maßlose gesteigerte Kulturhöhe der Kelten, gewissermaßen eine keltische Weltherrschaft anzunehmen. Die „Keltomanen“ schrieben die Herstellung der schönen Bronzen in ganz Europa ausschließlich den Kelten zu und ließen diese nach ihrer Ansicht das klassische Griechentum an Höhe womöglich noch überragende keltische Bronzekultur in Mitteleuropa durch den Einbruch der noch in steinzeitlicher Roheit zurückgebliebenen Germanenhorden vernichtet werden. Jahrzehntelang konnte damals in großen Teilen Deutschlands kein Stückchen Bronze aus alten Gräbern gehoben werden, ohne Jammer und Verwünschung über die barbarische Vernichtung einer uralten Kultur durch dieselben Germanen, deren angeblicher Zerstörungslust ja schon eine andere angebliche Kulturzerstörung, der Untergang der römischen Bildung, auf die Rechnung geschrieben wurde. Dem nationalen Gewissen wurde somit eine neue schwere Last in leichtfertigster Weise aufgewälzt. Die Sorge, ob dies wissenschaftlich zu verantworten sei, beunruhigte die Keltomanen wenig, entsprach ihr Treiben doch so recht dem deutschen Hange zur Selbstanklage. Und selbst ein in manchen Dingen auch auf dem Gebiete der Vorgeschichte trefflicher skandinavischer Forscher, der schwedische Zoologe Sven Nilsson, verfiel der Keltomanenseuche; auch er ließ in der ersten Auflage seines Buches über „Die Ureinwohner des skandinavischen Nordens“ während der Bronzezeit Skandinavien von Kelten bevölkert sein (1843). Bezeichnend für das allgemein herrschende wissenschaftliche Vorurteil der ersten Hälfte und der Mitte des vorigen Jahrhunderts sind die Worte des Wiener Historikers Mathias Koch: Für deutsche Länder kann als Regel gelten, daß die in Gräbern gefundenen Anticaglien [minder wichtige Altertümer: Münzen, Schmuck, Waffen usw.] von Bronze und Gold, wenn sie nicht römisch sind, notwendigerweise keltisch sein müssen, weil es der Kulturgeschichte widerstrebt, sie den Germanen anzueignen…Gräber, deren ganze Waffen- und Anticaglienbeigabe aus Bronze besteht, sind ausgemacht keltisch und werden nie anders gedeutet werden können (1856).

    Wie jede Seuche, so erlebte auch die Keltomanie in Deutschland ihren Höhepunkt und dann ihren raschen Verfall, freilich nur um von einer anderen Seuche abgelöst zu werden. Diese neue Krankheitserscheinung, die uns heute noch weit unbegreiflicher und widerwärtiger erscheint als die Keltomanie, war die Phönizierseuche. Wir haben uns mit ihr schon im Steinzeit-Kapitel beschäftigen müssen, als wir die Frage der Erfindung unserer Schrift erörterten (oben S. 11f.). Wir sahen, daß merkwürdige Umstände in der griechischen Kultur- und Ausbreitungsgeschichte den Grund zu der falschen Auffassung der Bedeutung der Phönizier gelegt hatten. Zu den wirklich fieberhaften Phantasien über die Phönizier als Schöpfer der Kultur und Bildung des gesamten Europa schritt man aber erst im 19. Jahrhundert fort, dank der angeblich voraussetzungslosen, tatsächlich jedoch in einen Rattenkönig von Vorurteilen tiefst verwickelten deutschen Wissenschaft, an deren Spitze in dieser Frage der völlig kritiklose Forscher Movers stand. Der Einfluß seines bändereichen Geschichtswerkes über die Phönizier hat noch den ersten Band der berühmten deutschen Altertumskunde von Karl Müllenhoff in so bedauerlicher Weise tief geschädigt.

    Es wurde oben schon bemerkt, daß der phönizische Seehandel erst in die Zeit des 10. - 8. Jahrhunderts vor Chr. gehört. Durch Anlage von Kolonien an den Küsten des Mittelmeeres suchten die Phönizier den Seehandel und die Seeherrschaft sich zu sichern; doch geschah das längst nicht in dem Maße, namentlich nicht an den griechischen Küsten, wie es die frühere Geschichtsschreibung annahm. […]

    Es bezeichnet darum den Höhepunkt des phönizischen Fieberanfalls in der neueren Wissenschaft, wenn der Schwede Nilsson, der mittlerweile seine überlebte Annahme keltischer Bronzezeitbevölkerung in Skandinavien hatte fallen lassen, in der zweiten Auflage seines Werkes über die „Ureinwohner des skandinavischen Nordens“ die ganze Hinterlassenschaft der nordischen Bronzezeitkultur den in Skandinavien tief eingedrungenen Faktoreien der Phönizier zuschrieb. Die Aussicht auf Gewinn aus dem Handel mit Bernstein und Pelzen und aus der reichen Fischereigelegenheit in den nordischen Meeren hätte die Phönizier bewogen, die Handelskolonien, die sie schon längs der westeuropäischen Küste und namentlich in England wegen seines Zinnreichtums angelegt hätten, von dort bis in den Süden und das Innere Skandinaviens vorzuschieben. Dort hätten sie eine noch halbwilde Urbevölkerung angetroffen, die auf der Stufe der Steingräber sich befand, während sie selbst auf der Stufe der älteren Bronzezeit gestanden hätten. Alle skandinavische Bildung ruhe auf der Grundlage dieser phönizischen Kultureinfuhr, so der ausgebildete Ackerbau, die Bereitung von Meth und Bier, die entwickelte Art der Fischerei, die vom Thunfisch des Mittelmeeres auf den Lachs des Nordens übertragen worden sei, so die großenteils noch heute im nordischen Volke herrschenden religiösen Vorstellungen, insbesondere auch der Baalsdienst, d. h. die Verehrung des Sonnengottes, dem die Phönizier im südenglischen Zinnland die großartigen Steintempel von Stonehenge und Avebury erbaut hätten und auf den auch die heiligen Zeichen des Orients hinweisen (Spirale, Palmwedel etc.), die sich auf den Stein-Grabmälern zu New Grange bei Dublin, wie zu Kivik in Schonen befinden, ebenso die heiligen bronzenen Kesselwagen in den Gräbern von Peckatel bei Schwerin und Ystad in Schonen, die den vom Phönizier Hiram für den salomonischen Tempel geschaffenen entsprächen, endlich auch die heiligen Goldschalen des Nordens, die den goldenen Trankopfer-Schalen entsprächen, die Moses (2. Mos. 25, 29) auf Befehl des Jehovah für den Schaubrottisch anfertigen ließ. Daß die schönen älteren Bronzegeräte und Bronzewaffen des Nordens von den dort angesiedelten Phöniziern geschaffen und nur von ihnen benutzt worden seien, wie sie nur in ihren dortigen Gräbern gefunden würden, zeige schon die Spiralverzierung. Nun fehlt zwar die Spiralverzierung den Semiten des Orients vollständig, man hielt sie aber zu Nilssons Zeiten, wie bis vor nicht zu langer Zeit für eine ägyptische Erfindung, weil sie vereinzelt und dazu in Entartung auch in Ägypten vorkommt und alles ägyptische nach eingewurzeltem Vorurteile natürlich nur dort entstanden sein konnte. Wir wissen es jetzt besser. Aber Nilsson machte es keine Gewissensbisse, wenn er nach der Formel: Ägypten ist Orient, Phönizien ist Orient, also ist Ägypten = Phönizien, die angeblich ägyptische Spirale nun gar auch den Phöniziern zueignete. Eine Bekräftigung seiner Ansicht sah er darin, daß die Griffe der alten nordischen Bronzeschwerter und Bronzedolche auffallend kurz sind, nur 5½ cm lang, was im Verein mit dem für den Arm einer erwachsenen nordeuropäischen Frau oft viel zu eng gestalteten Gold- und Bronzearmbändern des Nordens die Gewißheit gäbe, daß Schwerter wie Armschmuck einer kleingewachsenen orientalischen Bevölkerung angehört haben müßten. Nilsson wusste eben nicht, daß die Schwerter der älteren und mittleren Bronzezeit nur Stichwaffen waren und daß man bei diesen nur mit drei bis vier Fingern den Griff umfasste, während der Daumen als Stütze der Hand auf das Oberteil der Klinge gestemmt wurde. Für diese Handhabung haben die Griffe der alten Bronzeschwerter aber gerade die richtige Länge. Hiebschwerter dagegen waren erst die viel längeren und mit völlig veränderter Klingengestalt versehenen Schwerter der jüngeren Bronzezeit, die wegen dieser ihrer Größe, und weil sie der nun längst abgekommenen Spiralverzierung entbehren, von Nilsson als späte, schlechte Nachahmung der alten phönizischen Schwerter aus der Hand der einheimischen nordischen Bevölkerung angesehen wurden.

    Alles das, was Nilsson als Beweis vorbringt, und ebenso, was er beweisen will, ist zwar an sich schon teils sofort, teils sehr bald als hinfällig erkannt worden. Es genügt indes die schon früher gegebene Feststellung, die daß die Phönizier niemals an der westeuropäischen Küste gewesen sind, viel weniger in der Nord- oder gar in der Ostsee, um Nilssons Kartenhaus in sich zusammenstürzen zu lassen. Und für die Bronzezeit Europas könnte ja der wirklich festgestellte kurze phönizische Handel schon deswegen nicht die geringste Bedeutung besitzen, weil er einer Zeit angehört, die in Südeuropa bereits Eisenzeit ist und in Nordeuropa das Ende der Bronzezeit bedeutet, wo Eisen auch bereits häufig erscheint.1 Nilssons Buch fand trotz alledem reichen Beifall, wurde in die drei Welt-Kultursprachen übersetzt und begeisterte den Franzosen Rougemont dazu, in einer Nilssons Phantasien noch weit übertrumpfenden, fabelhaften Kompilation den Kulturträgerberuf der Phönizier auf die Semiten überhaupt auszudehnen (1866). Selbstverständlich hatte man in Deutschland nichts eiligeres zu tun, als auch dieses ausländische Machwerk, das sich „Die Bronzezeit oder die Semiten im Occident“ (1869) betitelte, einem hochgeehrten deutschen Publico durch Übertragung in das geliebte Deutsch so nahe wie möglich zu bringen.

    Indes wie jede Verkehrtheit ihre Zeit hat, so war es auch mit dem Phönizier-Wahn: heute ist er längst eine wissenschaftlich überwundene Sache; und wenn er trotzdem in Laienkreisen weiterhin gehegt und gepflegt wird, so ist dies nach dem Gesetze der Trägheit nun einmal unvermeidlich.2 […]

    War die Keltomanie in West- und Nordeuropa von dem Phönizierwahn abgelöst worden, so geschah dies in West- und Süddeutschland stattdessen durch den Römer- und Etruskerwahn, also durch eine italienische, eine südeuropäische Krankheit. Diese Krankheitsperiode entfesselte einen wahren Bronzekulturkampf, der sich bei den grimmigsten Stürmern und Drängern schließlich gar gegen die Ansicht vom Bestehen einer reinen Bronzezeit überhaupt, zum mindesten in West-, Mittel- und Nordeuropa, richtete. Ludwig Lindenschmit in Mainz war es, der im Verein mit Chr. Hostmann als der fanatischste Anhänger des Glaubens sich betätigte, alle besseren Bronzewaren der nordischen Bronzezeit wären etruskisches Fabrikat, und seiner kurzsichtigen Hartnäckigkeit ist es zuzuschreiben, wenn jener Kampf vier bis fünf Jahrzehnte lang , man kann sagen bis zum Tode Lindenschmits (1893) anhielt und eines der schwersten Hemmnisse für den raschen Aufschwung der der deutschen Vorgeschichtsforschung wurde, die damals gegen die aufs schnellste fortschreitende dänisch-skandinavische Forschung so stark ins Hintertreffen geriet, daß erst in unserem Jahrhundert dies Mißverhältnis wieder ausgeglichen ist.

    Infolge der beschränkt historisierenden Auffassung, die um die Mitte des vorigen Jahrhunderts die deutsche Vorgeschichtsforschung mit Ausnahme des trefflichen Schweriner Begründers der norddeutschen Prähistorie, Friedrich Lisch, beherrschte, huldigten Lindenschmit und Hostmann allen Vorurteilen des antiken Südeuropa, insonderheit auch dem, daß die Völker nördlich der Alpen durchweg unkultiviert seien und zwar je weiter nach Norden, desto unkultivierter. Sie dachten sich die Steinzeit in Mittel- und Nordeuropa bis zu Chr. Geburt herabreichen, dann wäre eine Zeit gefolgt, wo die Germanen bar alles eigenen Könnens von den für sie abfallenden Brocken einer rein römischen Kultur gelebt hätten, bis dann endlich in merowingischer Zeit eine früheste, allgemein germanische Metallkultur mit ausgeprägtem Stile entstanden sei, hervorgerufen durch die Schulung der Germanen an römischer Technik und römischem Geschmack. Eine einheimische Bronzezeit der Germanen habe es nicht gegeben, könne es schon deswegen nicht gegeben haben, weil den herrlichen nordischen Bronzen keine gleich hochentwickelten Tongefäße zur Seite gehen, während sonst überall in Zeiten einer Kunstblüte Metalltechnik und Keramik gleich hohe Stufen erklimmen. Alle besseren Metallgeräte seien vielmehr aus Italien eingeführt worden und in der Zeit vor Chr. als altitalisch-etruskische, in den Jahrhunderten nach Chr. einfach als römische zu bezeichnen. […]

    Zur Klärung der Tatsache, daß die nordischen Formen der Bronzegeräte eben nur auf den Norden beschränkt, sonst aber in Europa nicht zu finden wären, verfielen Lindenschmit und Hostmann auf den abenteuerlichen Gedanken, daß die römischen Exportfabriken große Sammlungen von Mustern gehabt hätten, die sie für jedes Land je nach seinem Geschmack verschieden ausgestattet hätten. Also ein völlig moderner Betrieb im alten Rom – wahrscheinlich auch schon mit unzähligen Musterreisenden, denn vielfach haben charakteristische Formen ein außerordentlich kleines Herrschaftsgebiet, so daß ihr Gebiet zuweilen nur dem einer preußischen Provinz gleichkommt. Und noch wunderbarer ist wohl, daß selbst diese provinziellen Typen eine jahrhundertelange Entwicklung durchmachten, die sich in annähernd denselben Grenzen vollzieht. Sollte eine römische Fabrik ein so zähes Leben geführt oder ihre Muster zu typologischer Fortbildung an eine andere Fabrik vererbt haben, die diese nun wieder für genau dasselbe Absatzgebiet bearbeitete? Die sog. Gießerfunde, die aus Ansammlungen zerbrochener oder mißratener Bronzen bestehen – die ja durch ihren bloßen Metallwert einen Schatz darstellten -, sehr oft aber auch das Handwerkszeug des Gießers mit enthalten, sollten Sammelerz darstellen, das zum Rücktransport nach den italienischen Fabriken durch die fahrenden südlichen Händler abgeholt wurde. Die etruskischen Händler selbst sähen wir in den so prachtvoll ausgestatteten Bestattungen der Baumsarggräber Schleswig-Holsteins und Jütlands, wo ihre Leichen in der nordischen „Wintertracht“ der Etrusker beerdigt seien: und was dieser Tollheiten mehr waren! Wenig liebenswürdig war es, daß man später diese Herren „Etrusker“, die oft übrigens in Gemeinschaft mit ihren Frauen die Nordlandreise ausgeführt haben müssen, als blondhaarige Leute erwies. […]

    Die Wissenschaft ging endlich über alle diese Dinge mit Recht zur Tagesordnung über, nicht nur im Norden und in Norddeutschland, sondern bald auch im übrigen Europa. Denn in allen Ländern offenbarte sich immer lauter und lauter das einstige Bestehen einer langen, überall durch einheimische Kräfte geschaffenen Bronzekultur, die naturgemäß in jedem Gebiete ihre besondere Stilfärbung hatte. Auch in Südeuropa und selbst in Italien war dies der Fall trotz Römern und Etruskern. So hatte schließlich Germania mit ihrer glänzenden eigen geschaffenen Bronzekultur einen nunmehr unbestrittenen vollen Sieg errungen. […]

    Es konnte nun die Vergleichung der Bronzekulturen der einzelnen Länder eintreten, nicht nur zur Erforschung etwaiger Entlehnung von Gerättypen, sondern auch um unabhängig davon die Bewertung der Kunsthöhe des Stils der einzelnen Länder vorzunehmen. Wir sprachen eben von dem vollen Siege der germanischen Bronzekultur, insofern ihre Anerkennung als germanische Kulturleistung durchgekämpft wurde. Wie groß dieser Sieg war, erkannten wir indes so recht erst, als die Bronzekulturen der anderen Länder unseren enttäuschten Blicken sich mehr und mehr enthüllt hatten. Mögen wir die bronzezeitliche Metallindustrie Süddeutschlands und der Schweiz oder Frankreichs und Englands oder Ostdeutschlands und Ungarns oder Österreichs und selbst Italiens untersuchen, keine dieser Industrien kann an die nordisch-germanischen Erzeugnisse heranreichen, bei denen wir eine klassisch schöne Formengebung antreffen und eine Ornamentation, die mit den kleinsten Mitteln durch ausgesucht feinen Geschmack die schönsten Wirkungen erzielt, reich ausgebildet am Schmuck der Frau, sparsamer verwendet bei den Waffen des Mannes. Besonders ist das der Fall in der zweiten der fünf Perioden dieser Epoche, einer Periode (1750 – 1400 vor Chr.), mit der diese Kultur ihre höchste Blüte erreicht und wo zugleich das schönste Spiralornament die stärkste Vorherrschaft ausübt. […]

    Aus: Kossinna, Gustaf: Die deutsche Vorgeschichte, eine hervorragend nationale Wissenschaft. (1912). Kapitel 3: Bronzezeit, S. 52 - 60

    1 An dieser Stelle ist Kossinnas Einteilung, der den Germanen ja immerhin allerhand zutraut, allerdings zu pessimistisch. Neuere Untersuchungen zeigen, daß die Eisenverarbeitung im Norden mit dem 1. Jahrtausend v. d. Zw. und die Stahlerzeugung 200 v. d. Zw. – also früher als im Römischen Reich - beginnt. Siehe dazu z. B.: „Produktion von Stahl im Norden schon vor 2000 Jahren“ - https://aid-magazin.de/2023/11/15/produktion-von-stahl-im-norden-schon-vor-2000-jahren/?fbclid=IwAR1bv3HQpxI0Jjo7iNuPYvUvXb3B57awg8f2S7

    2 Hier irrt Kossinna. Die Phönizierseuche ist durchaus nicht überwunden, sondern bricht immer wieder einmal aus. Ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit sind Theorien des deutschen Linguisten Theo Vennemann, der seit dem Jahr 2000 zahlreiche Texte veröffentlicht hat, die einen massiven Einfluß der karthagischen Phönizier auf die germanische Kultur und Sprache belegen wollen. Siehe auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Hypothese_der_Atlantisch-Semitidischen_Sprachen


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