RECONQUISTA

  • 24-08-22 18:56 Alter: 2 Jahr/e

    Dorische Wanderung und Seevölkersturm

    Eine Erinnerung an den Althistoriker Franz Altheim


    Die Dorische Wanderung galt lange Zeit als ein wesentlicher Aspekt der Übergangsperiode zwischen Bronze- und Eisenzeit: Um 1200 v. Chr. vollzieht sich innerhalb der bronzezeitlichen Kulturen der Mittelmeerwelt ein gewaltiger Umbruch: Stämme aus dem Norden dringen nach Süden vor und errichten auf den Trümmern der alten Welt neue Staaten und Reiche. Ein Aspekt der vor allem als „Seevölkersturm“ bekannten Epoche bezeichnet unter dem Begriff der „Dorischen Wanderung“ die Ankunft neuer Stämme im späteren Griechenland.
    Zur Entstehungszeit des Werkes von Franz Altheim stellte sich die „Dorische“, damals auch als „Ägäische“ Wanderung bezeichnet, als ein Ereignis dar, das maßgeblich durch den Stamm der Illyr(i)er bestimmt worden sei, so daß man auch von einer „illyrischen Wanderung“ sprach.

    Ausbreitung der "Illyrer"

    Demnach hatte die Ausbreitung der Illyrer nach Süden und Südosten um 1200 begonnen und stand, so Altheim, „als treibende Kraft hinter den Stämmen indogermanischer Abkunft, die damals in den Mittelmeerraum einbrachen.“ Als die Dorer „als dritte und letzte der griechischen Einwanderungs­wellen nach Süden drangen, wurden sie“, so Altheim, „getrieben von dem Druck der nördlich sitzenden Illyrier. Im weiteren Verlauf haben sich beide Stämme vermischt. Eine der drei dorischen Phylen, die Hylleer, war illyrischer Abstammung, und ‚hylleische‘ Sprachelemente fan­den bis tief hinein nach Griechenland Verbreitung. Gegen Ende des 13. Jahrhunderts ging der indogermanische Stamm der Phryger nach Kleinasien hinüber. Dort bereitete er dem Hethiter­reich ein Ende. Auch damals sind illyrische Splitter mitgeschwemmt worden. Die Troas (Gebiet um Troja) scheint ein Mittelpunkt des Illyriertums gewesen zu sein; hier herrschte das Königshaus der Dardaner bis in den Beginn der geschichtlichen Zeit. Bis nach Bithynien sind illyrische Namensformen nachweisbar.“
    Was zur Zeit Altheims als „illyrisch“ bezeichnet wurde, ist jedoch nichs anderes als eine südöstliche „frühgermanische“ Stammesgruppe. Eines der Zentren dieser illyrischen Stammesgruppe läßt sich als „Lausitzer Kultur“ erfassen, die zwischen 1300 und 500 v. Zw. angesetzt wird. Da das Gebiet dieser Kultur um die Zeitenwende von den ostgermanischen Stämmen der Przeworsk-Kultur besiedelt war und es keine Hinweise auf größere Wanderungsbewegungen in diesem Raum in der zweiten Hälfte des 1. Jahrtausends vor Christus gibt, geht man heute auch für die Lausitzer Kultur von einer (vor)germanischen sprachlichen Identität bzw. Ethnizität ihrer Träger aus.
    Um 1200 v. Zw., mit dem Beginn der Urnenfelderzeit, gingen aus diesem Raum Wanderungszüge nach Südosten aus, die kurz darauf den Balkanraum und Griechenland erreichten.

     

    Naturkatastrophen als Abwanderungsgrund

    Als eigentlichen Grund für die Südwanderung von Stämmen aus dem Norden hat der Forscher Jürgen Spanuth überzeugend das Auftreten einer Naturkatastrophe identifiziert, die als Phaeton-Sage bei den Griechen und als Überlieferung von Sekhmet bzw. Typhon bei den Ägyptern bewahrt wurde. Beides bezeichnet offenbar einen Himmelskörper – einen Asteroiden oder Meteoriten –, der auf die Erde stürzte und dabei Erdbeben, eine lang anhaltende Dürre und einen Temperaturrückgang auslöste. Solon läßt in einem Timaios-Dialog einen ägyptischen Priester referieren: „Es haben schon viele und vielerlei Vertilgungen der Menschen stattgefunden und werden auch fernerhin noch stattfinden, die umfänglichsten durch Feuer und Wasser, andere, geringere aber durch unzählige andere Ursachen. Denn was auch bei euch erzählt wird, daß einst Phaethon, der Sohn des Helios, den Wagen seines Vaters bestieg und, weil er es nicht verstand, auf dem Wege seines Vaters zu fahren, Alles auf der Erde verbrannte und selber vom Blitze erschlagen ward, das klingt zwar wie eine Fabel, doch ist das Wahre daran die veränderte Bewegung der die Erde umkreisenden Himmelskörper und die Vernichtung von Allem, was auf der Erde befindlich ist, durch vieles Feuer, welche nach dem Verlauf (gewisser) großer Zeiträume eintritt.“
    Mittlerweile läßt sich die Spanuth-These mit neuesten Forschungsergebnissen erhärten: Auf der estnischen Insel Kaali wurden bereits vor einigen Jahren mehrere Krater entdeckt, die vom Einschlag eines wohl in mehreren Kilometer Höhe auseinandergeborstenen Meteoriten stammen sollen. Der Hauptkrater hat einen Durchmesser von 110 m und ist 22 m tief. Die Kraft des Einschlags wird mit der Wirkung der Hiroshima-Atombombe verglichen (20 Kilotonnen TNT). Während erste Schätzungen von einem Einschlagszeitraum um 6000 v. Zw. ausgegangen waren, datierten jüngere Untersuchungen das Ereignis auf die letzte Hälfte des 2. vorchristlichen Jahrtausends (3237 Jahre vor Heute), also genau auf den von Spanuth postulierten Zeitraum.   
    In der finnischen Mythensammlung „Kalevala“ findet sich, wie auch in anderen Erzählungen nordischer Völker, die Geschichte von der Befreiung der Sonne durch einen jungen Gott, wobei in dieser Version ein Funke auf die Erde stürzt und eine Feuersbrunst auslöst. In der sich anschließenden Eisenzeit wurde der Hauptkrater zu einem Kultplatz erkoren und mit Wallanlagen versehen.
    Die Folge des Einschlags war eine mehrere Jahrhunderte andauernde Periode, die als „dunkles Zeitalter“ bezeichnet wird. Die Katastrophe verursachte die Zerstörung vieler Städte der frühen antiken Hochkulturen – der Hethiter, Mykener und Ägypter – sowie das Auftreten von Ernteausfällen und damit verbundener Hungerkatastrophen, die vor allem Stämme aus dem Norden zum Verlassen ihrer Heimat zwang:  „Die Bewohner der bronzezeitlichen Marschen“ so das Fazit des Forschers Günther Kehnscherper, „zogen auf der Suche nach einer neuen Heimat nach Südosten, die Elbe aufwärts, entlang den uralten Bernsteinstraßen und Handelswegen. Mit ihnen wanderte ein erheblicher Teil der Bevölkerung Jütlands und der norddeutschen Tiefebene ab.“

     

    Einwanderung nach Italien

    Auch in Italien läßt sich die Südwanderung der Frühgermanen erfassen. Hier sind es mit den Stämmen des Nordens verwandte Gruppen, die als Italiker, Osker und Umbrer einen bedeutenden Wandel einläuteten.  
    Daß die Ankunft neuer Stämme im Mittelmeerraum als Folgeerscheinung und Abschluß einer Wanderung von Stämmen aus dem Norden anzusehen sei, war damals herrschender Konsens.
    „Die Einwanderung der aus den nachmaligen Latinern, Faliskern und Euganeern bestehenden Gruppe war demnach seit ihren Anfängen mit der illyrischen Ausbreitung nach Südosten verknüpft“, wie Altheim darlegte. „Mit ihrem Einsetzen begann auch für die Italiker die Zeit der Wanderung. Mit dem Eindringen der Veneter ins Pogebiet und mit der eigenen Abdrängung über den Apennin nach Mittelitalien schloß diese Epoche der latinischen Vorgeschichte ab. Sie wird dadurch zu einem Ereig­nis, das zeitlich mit der dorischen Wanderung in Griechenland zu­sammenfällt.

     

    Politisch korrekte Geschichtsverdrehung

    Die heutige Geschichtswissenschaft versucht demgegenüber jeden möglichen Einfluß aus dem Norden Europas auf andere Teile des Kontinentes oder gar der Welt in Abrede zu stellen.
    So heißt es bei Wikipedia, „die These, daß durch die Dorische Wanderung die Vorherrschaft der mykenischen Kultur beendet worden sei und die übrigen griechischen Stämme mit ihren Bronzewaffen den Dorern mit ihrer mit Eisenwaffen ausgerüsteten Reiterei unterlegen gewesen seien, gilt heute allgemein als überholt, auch wenn sie sich noch in manch einem Schulbuch findet.“
    Tatsächlich soll die Überlieferung von den Dorern, die auch Herakliden genannt wurden, „eine späte Herkunftssage“ sein, da die Herakliden erstmals im späten 6. Jahrhundert v. Zw. nachweisbar seien.
    Die archäologischen Forschungen der letzten Jahrzehnte habe darüber hinaus ergeben, daß der Untergang der mykenischen Kultur Folge einer allgemeinen, über einen längeren Zeitraum andauernden sozialen Krise gewesen sein muß, im Zuge derer eine Vielzahl von Faktoren zur Zerstörung und Aufgabe der Palastzentren geführt hat. Dabei unternehmen Historiker die wundersamsten und lächerlichsten Kunstgriffe, um die Naheliegende und ins Auge springende Wahrheit auszublenden.
    Demnach soll es „infolge innerer Wirren um 1100 v. Chr. zu einer zeitweiligen Aufgabe der Seßhaftigkeit gekommen sein, so daß nicht fremde Einwanderer, sondern überwiegend nur Teile der bereits einheimischen Bevölkerung als Halbnomaden durch Hellas gewandert seien.“
    Obwohl, das zumindest kann auch von der vorherrschenden Lehrmeinung nicht bestritten werden, „in den Jahrzehnten nach 1200 v. Chr. die meisten bisher bekannten mykenischen Paläste auf dem griechischen Festland zerstört wurden, das Palastwirtschaftssystem zusammenbrach und es demographische Verschiebungen gab“, sei für die Zeit um und nach 1200 v. Zw. dennoch kein Artefakt in Mittel- oder Südgriechenland nachgewiesen, das eindeutig den Dorern zugeordnet werden könnte.

     

    Beweise für die Südwanderung

    Allerdings räumt man dann wiederum ein, daß eine völlig neue, „grobe, handgemachte Keramik, sogenannte Handgemachte Geglättete Keramik (abgekürzt HGK bzw. HBW = Handmade Burnished Ware) in einer Reihe mykenischer Siedlungen, u. a. auch in Mykene, oberhalb der Zerstörungsschichten auftritt, die man allerdings nicht mit einer bestimmten ‚Ethnie‘ verbinden könne.“ „Sie muß“, so Wikipedia weiter, „auch nicht von Invasoren stammen, sondern auch von Fremdarbeitern oder Söldnern, da sie – allerdings in sehr geringem Umfang – auch in Fundzusammenhängen entdeckt wurde, die vor den Zerstörungen datieren (z. B. in Tiryns).“
    Den wohl bedeutendsten Beweis für die Ankunft neuer Stämme im Mittelmeerraum aber stellen erhaltene Schriftquellen der Herrscher des unter hethitischem Einfluß stehenden Ugarit an der heutigen Küste Syriens dar. In einem Brief an den König von Alašija (Zypern) beschreiben sie einen See-Angriff auf ugaritische Gebiete durch ausländische Schiffe, bei denen mehrere Städte geplündert wurden. Richtig ist allerdings, daß die Stämme aus dem Norden nicht für alle Zerstörungen der Paläste und Städte im Mittelmeerraum verantwortlich waren, sondern diese zumeist nach Naturkatastrophen wie Erdbeben bei ihrem Vormarsch vorfanden. Unzweifelhaft aber bezwangen die an der neuartigen Keramik erkennbaren Neuankömmlinge ein Heer der Hethiter und plünderten deren verbündete Stadt Ugarit, wie eine Quelle berichtet. Dabei führten die Nordstämme auch Schwerter mit sich, die erstmals aus verhüttetem Eisen hergestellt worden waren und ein typisches Vogeldekor trugen.
    Von Skandinavien und Norddeutschland, wo sich frühe Eisenerzeugnisse in schwedischen Gräbern um 1400 v. Zw., ein eiserner Fingerring in Vorwohlde (Niedersachsen) um 1550 v. Zw. sowie zahlreiche Meißel, Pfrieme, Nadeln und Ringe aus dem 11. Jahrhundert v. Zw. finden, läßt sich der Weg des Eisens entlang der Südrouten der Urnenfelderleute nachvollziehen.
    Warum die mykenische Kultur um 1200 trotz der Invasion aus dem Norden nicht unterging, sondern noch ca. 150 Jahre weiterbestand, läßt sich anhand von überlieferten Sagen erklären. Einer Überlieferung zufolge überquerten die Dorer, nachdem ein Versuch, über den Isthmus einzudringen, mißlungen war, im Verein mit Äoliern den Golf von Korinth; sie wurden dabei angeführt durch die Nachkommen des Herakles. Während dieser „Rückkehr der Herakliden“ schlug Herodot zufolge der Herakliden-Führer Xanthos dem König von Tegea einen Zweikampf vor, um über das Schicksal dieser Region zu entscheiden. Als Hyllos verlor, sollen die Herakliden vertragsgemäß weitergezogen sein und dieses Gebiet 100 Jahre vor weiteren Angriffen verschont haben. Das eroberte Land wurde schließlich unter den drei Heraklidenbrüdern Aristodemos, Kresphontes und Temenos aufgeteilt. Ein Teil von Elis, Arkadien und Achaia verblieb den früheren Bewohnern.  Gegen 1050 v. Chr. setzen jedenfalls deutliche Veränderungen ein, wie man am Übergang der ornamentalen Keramik von späthelladischem IIIC-Stil zum submykenischen und protogeometrischen Stil verfolgen kann. Gleichzeitig nehmen Brandbestattungen zu.
    Auch wenn die „Dorische Wanderung“ heute nicht mehr als Ursache für den Untergang der mykenischen Kultur angenommen wird, hält die Mehrzahl der Forscher „eine langsame, gruppenweise Einwanderung von Dorern in nachmykenischer Zeit“  für wahrscheinlich.  Von entscheidender Bedeutung für diese Überzeugung sind die für die vorangehende mykenische Zeitspanne fehlenden Spuren dorischen Dialekts in Schriftdokumenten, der in klassischer Zeit in weiten Teilen der Peloponnes, auf Kreta und den südlichen Ägäisinseln gesprochen wurde. Auch die neue, sogenannte dorische Bauordnung spätestens ab 900 v. Chr. unterstreicht die Einwanderung der Dorer in den vorangehenden Jahrhunderten. Die Dorer, die vor allem den Süden, Südwesten und Osten der Halbinsel besiedelten, insbesondere die Landschaften Lakonien, Messenien, Argolis, Korinth und Megaris (um Megara),  sprachen einen eigenen (ursprünglich als nordgriechisch bezeichneten) Dialekt, der nun neben den achaischen und ionischen Dialekt trat und in klassischer Zeit in weiten Teilen der Peloponnes, auf Kreta, den südlichen Kykladen und in den griechischen Städten Südwest-Kleinasiens gesprochen wurde.
    Die bekannteste Entwicklung der Dorer war die Stadt Sparta, der Hauptort der Landschaft Lakonien und des Staates der Lakedaimonier, die als typisches Beispiel der Urform einer Herrschaft indogermanischer Einwanderer über überschichtete Einwohner gelten kann:
    Politische Teilhabe war in Sparta nur einer kleinen Minderheit von Vollbürgern vorbehalten, den Spartiaten. Diese wurden wirtschaftlich von den unterdrückten Heloten versorgt, die den bei weitem größten Teil der Bevölkerung stellten. Eine dritte Gruppe waren die persönlich freien, aber politisch rechtlosen Periöken. Charakteristisch für Sparta war zudem das Doppelkönigtum.
    Jüngste genetische Forschungen stützen mittlerweile das Szenario der europiden Einwanderungswelle im Rahmen des Seevölkersturms: Eine Studie von Michal Feldman et al spricht von einer europiden Einwanderungswelle in Palästina am Ende der Bronzezeit, die sich aber nur wenige Jahrhunderte erhält, bevor sie weitgehend ausstirbt. Feldmann bezeichnet dies als Bestätigung des (nord-)europäischen Ursprungs der Philister.

    Franz Altheims Werk "Italien und die Dorische Wanderung" ist, ergänzt um die Beiträge "Die Elchrune" und "Die Keltische Wanderung" beim Parzifal-Versand erhältlich.


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