RECONQUISTA

  • Ein Schlüssel zur Frühgeschichte Europas?

     

    Die Entdeckung der Himmelsscheibe von Nebra, der ersten plastischen Himmelsdarstellung der Menschheit, war ein Meilenstein in der deutschen Archäologiegeschichte. Fortan war klar, daß auch im nördlichen Europa Kultur und Wissenschaft auf ein hohes Alter zurückblicken. Die „Barbaren Europas“ wandelten sich über Nacht zu „Einsteins aus Germaniens Wäldern“ (Der Spiegel). Die Menschen, die diese Scheibe schufen, entstammten der Aunjetitzer Kultur, die nun erstmals einem größeren Kreis bekannt wurde. Sie entstand um 2300 v. Chr. im Gebiet des heutigen Thüringen aus Einflüssen der Glockenbecher- und der schnurkeramischen Kultur.
    Das nun zu diesem Themenkomplex erschienene und schon bald in Bestsellerlisten auftauchende Buch beginnt vielversprechend: Mit einer Kritik an der Unkenntnis einer „der verblüffendesten Kulturen unserer eigenen Vergangenheit“, die in Schulbüchern nicht erscheint. Die Botschaft der Geschichtswissenschaft bislang, so die Autoren: „Hier im Herzen Europas wird es kaum mehr gegeben haben, als primitive Stämme, die mühselig ihre Äcker bestellten und das Vieh hüteten.“ Diese Sichtweise aber habe sich, so die Autoren weiter, in den letzten Jahren radikal geändert. Denn mit neuen naturwissenschaftlichen Methoden kann nun erhellt werden, woher Menschen und ihre Gerätschaften, das Metall oder das Holz stammten und so Fleisch an die Knochen der Skelette gebracht werden, die zuvor das einzige Forschungsobjekt der Archäologie waren.
    Und tatsächlich bringt das erste Buchkapitel über die Nebrascheibe selbst einige neue wissenschaftliche Erkenntnisse: Die wohl um 1800 v. Chr. geschaffene Scheibe wurde insgesamt dreimal überarbeitet: Die erste Version hielt eine Schaltregel fest: Wenn im Frühjahr (3. Jahresmonat) bei den Plejaden (Siebengestirn) eine dünne Mondsichel erscheint, sind Sonnen- und Mondjahr synchron. Wenn die Mondsichel zu dick ist, wie hier auf der Scheibe, dann muß dem Jahreskalender ein Schaltmonat hinzugefügt werden. Dafür spricht der Umfang der Mondsichel ebenso wie die Anzahl der – ursprünglich - 32 auf der Scheibe angebrachten Sterne, die mit der Anzahl der Tage korrespondiert, die vergingen, bis Mond und Plejaden im 1. Frühlingsmonat zusammenstanden. Das runde Objekt könnte sowohl Vollmond als auch Sonne symbolisieren, da das Jahr bei vielen Kulturen mit dem Frühjahr begann. Der nunmehr nachgewiesene feine Strahlenkranz des Objektes spricht indes für die Sonne.
    Irgendwann wurden auf der Scheibe zwei Horizontbögen aus dem gleichen Gold wie die übrigen Goldobjekte angebracht, die den Verlauf der Sonne zwischen den Sonnenwenden  wiedergeben und  mit dem Standort des Mittelberges korrespondieren – die Scheibe wurde also im Gebiet des heutigen Thüringen hergestellt.
    In einer zweiten Überarbeitung wurde der Scheibe eine leicht gebogene goldene Sichel hinzugefügt, die als Boot, als Sonnenbarke, gedeutet wird, die sowohl im ägyptischen als auch im skandinavischen Raum als Gefährt  der Sonne in der Nacht betrachtet wurde.
    Schließlich fügte ein unbekannter Bearbeiter der Scheibe am Rand 39 Löcher hinzu, die als Ösen zur Befestigung der Scheibe gedeutet werden. Allerdings, so die neuen Erkennntisse, könnte damit aber auch die Zahl der Tage angedeutet worden sein, an denen die Plejaden-Sterne zusammenstehen.
    Das Kupfer der Scheibe stammte jüngsten Erkenntnissen zufolge aus dem Voralpenraum, das Zinn aus Cornwall. Ebenso, das ergaben jüngste Untersuchungen, das Gold, das der gleichen Quelle entstammt wie Goldfunde bei Stonehenge. Es existierte also eine Verbindung zwischen Aunjetitz und Stonehenge. Diese verlief den Autoren zufolge über die Glockenbecherkultur, die anders als die Schnurkeramiker seit 2500 v. Chr. auch in Britannien, vor allem in Stonehenge, nachgewiesen wurde, allerdings mit dem Beginn von Aunjetitz in Mitteleuropa nicht mehr bestand.
    Der zweite Teil des Buches indes, in dem es um die eigentlichen Schöpfer der Scheibe, die Menschen der Aunjetitz-Kultur geht, entpuppt sich schnell als das genaue Gegenteil der Ankündigung, mittels moderner wissenschaftlicher Erkenntnisse die Frühgeschichte Nordeuropas erstmals aus dem Dunkel der Geschichte zu heben. Denn statt auf Fakten wird fast ausschließlich auf Spekulationen, Analogien und Behauptungen Bezug genommen, die mal mehr, oft aber weniger nachvollziehbar sind. Statt über geschichtliche Zusammenhänge lernt der Leser viel über philosophische Begriffe: Aura etwa, oder Charisma. Auch Interfacing spielt eine Rolle. Begriffe, mit denen Autor Michel wohl seine literarische  Eloquenz unter Beweis stellen möchte, allein bleibt dem Leser unter dem Strich wenig Erhellendes. 
    Die wenigen Hinterlassenschaften, die für die Autoren eine Rolle spielen, sind die Himmelsscheibe, drei Grabhügel (Leubingen, Helmsdorf, Bornhöck), von denen letzterer schon im 19. Jahrhundert abgetragen wurde, sowie zwei Kreisgrabenanlagen (Pömmelte und Schönbeck). Um diese Komplexe herum wird eine Geschichte entwickelt, die weitgehend Spekulation bleibt und so der Geschichtsschreibung nahekommt, die man aus den USA kennt und die nicht von ungefähr hier ausdrücklich gelobt wird: Große Thesen, wortgewaltig vorgetragen, doch Fakten bleiben Mangelware. Zeitgleiche Artefakte des nordeuropäischen Raumes, wie der Sonnenwagen von Trundholm, Indizien für weitreichende Handelskontakte wie etwa eine „ägäische Lanzenspitze“ aus einem Hortfund im sächsischen Khyna aus der Zeit um 2000 v. Chr., und vor allem die reiche bronzezeitliche Bilderwelt Skandinaviens hätten Hinweise genug auf eine damalige Blütezeit Europas und ihre weitreichenden Handelskontakte geliefert. Von Bernsteinstraßen aber erfährt der Leser ebensowenig wie von Wagen oder Booten, mit denen Waren über weite Strecken transportiert werden konnten. 
    Noch ärgerlicher als der Verzicht auf den Blick über den Rand der Nebraschreibe ist die in den Spekulationen versteckte Botschaft: Nur dank der Einflüsse aus Steppe und Orient sei Europa kulturell vorangekommen, die Genetik habe gezeigt, „welch ein Migrationsprodukt Europa doch ist“. Die Flüchtlingskrise 2015 läßt grüßen.  „Migranten aus dem Orient“, so die entsprechende These, hätten das „neolithische Paket aus Kulturpflanzen und domestizierten Tieren“ nach Europa importiert und dabei die – der Autor spricht es nicht aus, aber es schwingt irgendwie mit – tumben Ureinwohner gleich den Indianern auf karges Land und „in unwegsame Bergregionen“ verdrängt.  Warum dann aber diese offensichtlich unterlegenen Ur-Europäer wenige hundert Jahre später „nach Süden vorrückten“ wie auch der Autor bemerkt, bleibt so natürlich schleierhaft. Bevor dem Leser nun der Schleier von den Augen fallen könnte, wendet sich der Autor lieber den „Steppenkriegern“ zu, die dank der Mathematiker, die seit Verfeinerung der Genetik nunmehr Geschichte schreiben, wiederauferstanden sind. Diese „Halbnomaden“ sollen nicht nur Schnurkeramik, sondern auch Pferd, Wagen, und nicht zuletzt die indogermanische Sprache nach Mittel- und Nordwesteuropa gebracht haben. Und aus all diesem Migrationswust aus Orient, Mittelmerraum und Steppe habe sich dann der erste nordeuropäische Staat in Aunjetitz gebildet, der irgendwie nicht so despotisch wie im Orient war, andererseits aber irgendwie doch. Da sind sich die Autoren entweder nicht einig, oder aber widersprechen sich. Denn der lange Bestand des Aunjetitz-Reiches von mehr als 400 Jahren ist dem einen Indiz für eine gemäßigte Despotie. Ebenso die Tatsache, daß hier die Menschen nicht durch geologische Barrieren von einer Abwanderung abgehalten wurden, wie das in vielen orientalischen despotischen Stätten durch Wüsten der Fall gewesen ist. Dennoch habe es aber auch Menschenopfer gegeben, bei denen auch vor Frauen und Kleinkindern nicht haltgemacht wurde. Sie dienten, so der Autor, dem Machterhalt des Königs von Aunjetitz. Eine gemäßigte Despotie mit Menschenopfern also.
    Letztlich, so das für die Autoren wohl Entscheidende, sei Aunjetitz eben doch kein originär europäisches Produkt, sondern eine Zusammenfügung von Wissen, das aus dem Orient und Mitelmeerraum stammte und seine technischen Fähigkeiten der asiatischen Steppe verdankte. So sollen die  Aunjetitz-Fürsten der Autorenphantasie zufolge Orient und Ägäis bereist haben. In Mesopotamien lernten sie die später auf die Himmelsscheibe übertragene Schaltregel kennen, die dort allerdings erst 1000 Jahre später schriftlich fixiert wurde. Denn daß man hier im „dunklen Herzen Europas viele Jahrhunderte früher als im Orient raffinierte Gesetze der Himmelsmechanik“ kannte, geht den Autoren dann doch zu weit. Immerhin habe es anders als im Orient nur schriftlose Kulturen gegeben und angesichts des oft wolkenverhangenen Himmels habe es wohl auch der „Tradition der kontinuierlichen Mondbeobachtung“ über mindestens 40 Jahre ermangelt. Auf seiner Reise hätte dann der Aunjetitz-Fürst in der Ägäis den Streitwagen und in Ägypten die Sonnenreise mit der Himmelsbarke kennengelernt. Immerhin darf hier der Fürst selbst reisen und ist nicht auf Besuche der „hochstehenden Kulturen“ aus dem Mittelmeerraum angewiesen, wie es  noch in der ZDF-Dokureihe Terra-X „Die Bernsteinstraße“ nahegelegt worden war.
    Dennoch offenbaren die Autoren, besser gesagt Autor Michels, der hier wohl die Federführung übernimmt, einen erheblichen Mangel an Faktenwissen. Etwa daß die Kenntnis der Astronomie in Nord-und Mitteleuropa nicht nur bis in die Altsteinzeit zurückreichen könnte, wie die Autoren selbst andeuten, sondern daß gerade die europäische Megalithik eindrucksvolles Zeugnis der Himmelsbeobachtung liefert. Eine Tatsache, die den Autoren keine Zeile wert ist. Ebensowenig die Verbindung der jungsteinzeitlichen Megalithkulturen mit einem Sonnenkult, der ideengeschichtlich in Europa seinen Ursprung hatte. Auch das Auftreten von Schriftzeichen in Europa seit der jüngeren Altsteinzeit erfährt der Leser hier nicht — ein gewichtiger Hinweis auf eine weit zurückreichende Schrifttradition, die schließlich in bronzezeitlichen Schriftzeugnissen ihren Höhepunkt findet. Und selbst die Nutzung von Streitwagen in Nordeuropa, die mindestens für die frühe Bronzezeit nachgewiesen ist, wie selbst die Fachzeitschrift Archäologie in Deutschland einräumt, scheint den Autoren unbekannt. Überhaupt kann Mykene kaum als Ideengeber für die Aunjetitzer fungieren, da sich das Mykenerreich erst nach 1800 v. Chr. etablierte.
    Daß chronologische Zusammenhänge großzügig interpretiert werden, erweist sich auch hinsichtlich der Buchthese, die Aunjetitzer hätten den Handel mit Kupfer und Zinn nach Nordeuropa ebenso blockiert, wie den mit Bernstein in den Mittelmeerraum. Zwar steigert sich die Bronzeerzeugung innerhalb der nordischen Bronzewelt vor allem nach dem Niedergang von Aunjetiitz um 1500, allerdings gab es auch schon zuvor Kupfer im Nordraum. Schließlich lag ein frühes Kupfergewinnungsgebiet in Brec-Kujawski nur einige Dutzend Kilometer von den Ausläufern der Nordischen Bronzezeit entfernt.
    Überdies ist von einem Kupferabbau auf dem einst viel größeren Helgoland auszugehen, der direkt im Herrschaftsbereich der Nordischen Bronzezeit lag. Ebenso ist zwar der Handel mit Bernstein im Mittelmerraum mit Beginn der Bronzezeit rückläufig, allerdings nimmt er bereits im 17. Jahrhundert v. Chr. merklich zu, also gute 100 Jahre vor dem Niedergang von Aunjetitz.
    Vor allem aber ergibt die Handelsboykott-These deshalb wenig Sinn, weil der Vorteil einer Handelskontrolle ja in der Förderung des Handels, nicht im Boykott besteht. Wohlstand wird durch Handel generiert, nicht durch Handelsboykott. Zumal ja die vorgeblichen eng begrenzten Handelspartner der Aunjetitzer selbst Handelsgüter hätten weiterverhandeln können, auch ohne Zustimmung der Aunjetitzer.
    Zugestanden werden kann den Autoren immerhin eine Handelskontrolle durch Aunjetitz, die den Handel zwischen dem Norden und Süden Europas nicht zu der Entfaltung kommen ließ, wie sie sich nach dem Niedergang von Aunjetitz entwickelte.
    Eine weitere Widerlegung der Behauptung des kupfer-
    armen, isolierten Nordlandes ist der Nachweis von zyprischem Kupfer in 3600 Jahre alten schwedischen Äxten.
     Und schließlich steht auch die letzte Spekulation der Autoren, wonach die Deponierung der Himmelsscheibe  als „Ensemble eines Götteropfers“ nach Niedergang des Reiches infolge des Thera-Vulkan-Ausbruchs um 1600 v. Chr. erfolgt sein soll, auf schwachem Grund. Dagegen ist einzuwenden, daß die Himmelsscheibe  - so wie von den Autoren zurecht bemerkt - ein wichtiges Herrscher-Statussymbol war, das ein Fürst gerade in Krisenzeiten nicht freiwillig aus der Hand geben würde, zumal Götteropfer auch nur Mittel zum Zweck waren. Insbesondere der Zusammenhang mit dem Thera-Ausbruch, der für „Gerüchte aus dem Süden“ gesorgt habe, „die den Herrscher in Erklärungsnöte brachten“ und „Schockwellen aussandte, die wie ein Tsunami über Europa brandeten und die Herrscher von ihren Thronen stürzten“, findet keine archäologische Entsprechung.  Weder Spuren von Konflikten oder „Aufständen“ noch von Naturkatastrophen um 1600 v. Chr. in Mitteleuropa, wie die Autoren selbst einräumen (S. 352). Der Thera-Ausbruch sorgte im Gegensatz zur Meinung der Autoren oft dafür, daß andere Kulturen profitierten und aufstiegen: Mykene auf Kosten Kretas, das Hethiter-Reich auf Kosten Ägyptens.
    Die mit der Scheibe gemeinsam deponierten Schwerter wurden laut C14-Datierung einer Holzapplikation um 1600 v. Chr. angefertigt - den Autoren zufolge eigens zur Opferung. Wahrscheinlicher aber ist eine spätere Deponierung, die durch Erben der Aunjetitzer vorgenommen wurde. Vielleicht erst um 1300, der Zeit, in der auch der Trundholmer Sonnenwagen deponiert wurde, als Klimaverschlechterungen einsetzten, die zu tatsächlichen Unruhen und dem Ende der mitteleuropäischen und nordischen Bronzzeit mit ihrem Sonnenkult führten. Auch weitere bedeutende Reliquien wurden um diese Zeit deponiert, ebenfalls in ähnlicher, paarweiser Anordnung. Dies war zugleich der Beginn  der „Dunklen Jahrhunderte“, die über die großartige Welt der nordischen Bronzezeit einen bis heute nicht enthüllten Schleier ausbreiteten.
    Dennis Krüger 

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