RECONQUISTA

  • Der Ursprung Europas

     

    Geschichte verläuft in der Regel kontinuierlich, echte historische Brüche sind selten – die Verbindung von Carl-Heinz Boettchers Entwurf der Vorgeschichte (Der Ursprung Europas. Die Wiege des Westens vor 6000 Jahren1) mit aktuellen Untersuchungen von Haplogruppen aus alten Gräbern entwirft ein faszinierendes Szenario der sehr frühen Geschichte Europas, deren Grundlagen bis heute wirksam sind.

    Vor etwa 12.000 Jahren endete die letzte Eiszeit. Die Temperaturen stiegen zunächst gemächlich an und erreichten vor etwa 7.800 Jahren ihr Maximum. Die Warmzeit, die damals begann, dauert zwar bis heute an, allerdings kam es im Laufe der Jahrhunderte immer wieder zu Temperaturschwankungen, die erheblichen Einfluß auf die Kulturentwicklung gehabt haben müssen. Das Steigen der Temperaturen löste zunächst eine Gletscherschmelze aus, so daß der Meeresspiegel im Laufe der Zeit um 100 – 200 m anstieg; auch dieser Prozeß setzt sich bis in unsere Gegenwart fort. Da menschliche Siedlungen sich bevorzugt in Meeresnähe befinden – auch das ist heute noch so – gingen große Teile des alten Kulturlandes verloren und liegen heute auf dem Meeresboden, insbesondere im Bereich der flachen Nordsee.
    Im Gegenzug gab der Rückgang des Eises weite Gebiete Europas frei für die Jäger- und Sammlerkulturen, die vor etwa 12.000 Jahren aus Refugien in Südeuropa in den Norden vordrangen. In Dänemark, Norddeutschland und Doggerland etablierte sich etwa vor 10.000 Jahren die Maglemose-Kultur. Der allmähliche Verlust weiter Teile des Siedlungsgebietes an das Meer muß eine Krise ausgelöst haben, aus der vor 7.300 Jahren in Norddeutschland, Dänemark und Südskandinavien die mesolithische Ertebölle-Kultur hervorgegangen ist. Die Menschen in jenem Gebiet hatten sich weiterentwickelt, sie waren von der ursprünglichen Wildfolge zur Standwildjagd übergegangen. Statt den Zügen der Rentiere über weite Strecken zu folgen, jagte man nun in organisierten Verbänden das in den Wäldern ortsfest auftretende Großwild – vor allen Dingen Hirsch, Reh, Wildschwein und den Auerochsen – und wurde ebenfalls seßhaft. Am Meer entwickelte sich der Fischfang als zusätzliche Nahrungsquelle, und die Konstruktion von Booten ermöglichte das Verfolgen der Schwärme auf das offene Meer.   
    Parallel entstand vor 9.000 Jahren auf der Balkanhalbinsel ein ganz anderer Kulturraum. Eine Welle von Einwanderern, vermutlich aus Anatolien, traf hier auf die örtlichen Jäger- und Sammlergruppen. Aus der Verbindung beider Völker entstand die neolithische Starcevo-Kultur, die später von der Vinca-Kultur abgelöst wurde. Diese Menschen lebten seßhaft, betrieben Ackerbau und waren im Vergleich zu anderen zeitgenössischen Kulturen hochentwickelt. Die Vinca-Kultur hinterließ die ersten bekannten Schriftzeichen, und ihre Landwirtschaft erzeugte Überschüsse und erlaubte das Halten von Vorräten. Die neolithischen, also Ackerbau betreibenden Pioniere dagegen, die sich vor etwa 8.000 Jahren aus dem Balkan nach Mitteleuropa ausbreiteten, gelten als weniger entwickelt. Das Vordringen in die weiten, bewaldeten Gebiete muß ein mühsamer Prozeß gewesen sein, Überschüsse konnten zunächst nicht erwirtschaftet werden. Kleine, sesshafte Gemeinschaften entstanden in einem weiten, dünn besiedelten Gebiet zwischen der Seine und der Ukraine. Man siedelte bevorzugt in Flußauen und auf Lößböden und betrieb Hackbau, eine primitive Form der Landwirtschaft mit Grabstöcken. Nach wenigen Fruchtfolgen war der Boden so ausgelaugt, daß man ein Stück weiterziehen mußte, um neues Land zu bearbeiten. Diese Kulturstufe wird heute als Bandkeramik bezeichnet nach der Sitte, Keramik durch eingelegte Bänder zu prägen.
    Vor 6.300 Jahren waren die Bandkeramiker bis nach Norddeutschland vorgedrungen und berührten an ihrer Nordgrenze das von den jagderprobten und seefesten Ertebölle-Leuten dicht besiedelte Gebiet an Nord- und Ostseeküste. Im Norden lebte man von Fisch und Fleisch, beides war im Überfluß vorhanden - die friedliebenden Bandkeramiker waren dagegen reine Vegetarier. Immerhin war es ihnen gelungen, ihren Lebensstandard allmählich zu verbessern und Überschüsse zu erwirtschaften. Das war die Situation am Vorabend der Begegnung beider Völker, die eine Entwicklung in Gang setzen sollte, die über mehrere Jahrtausende immer wieder dieselben historischen Handlungsmuster hervorgebracht hat und unsere Geschichte bis in die Gegenwart hinein prägt.

    Die Expansion der Ertebölle-Kultur

    Im Norden hatte man den Bootsbau weiter-entwickelt: Die ersten Wasserfahrzeuge waren Fellboote gewesen, dann hatte man Bäume ausgehöhlt und ruderte damit die küstennahen Gebiete entlang. Der nächste Schritt war das Erhöhen der Bootswand durch aufgesetzte Planken, die klinkerförmig angeordnet und durch Vernähen festgefügt wurden. Man hatte nun hochseefähige Schiffe und konnte Fanggründe in Nord- und Ostsee erschließen. Die Konstruktion bewährte sich derartig, daß sie bis in die Wikingerzeit hinein das Maß der Dinge in Sachen Schiffbau blieb. Das Land war dicht besiedelt, und Raum zur Expansion in freies Gebiet gab es nicht mehr, nachbarschaftliche Konflikte mehrten sich. So bildeten sich unternehmungslustige Gruppen, Gefolgschaften, die sich um einen Anführer scharten, Boote bemannten und die angrenzenden Küsten und Flußläufe beruderten. Man traf auf bandkeramische Siedlungen, plünderte sie aus und brachte die Beute heim. Je erfolgreicher solche Unternehmungen waren, umso mehr Nachahmer fanden sich. Die Beutezüge übers Meer wurden zum Massenphänomen. Die organisierte Standwildjagd und die Seefahrt hatten notwendige Hierarchien entstehen lassen, die sich für die erfolgreiche Durchführung von Kriegszügen als ausgesprochen nützlich erwiesen. Die bandkeramischen Bauern waren solchen Angriffen nicht gewachsen. Ihr Lebensstil war das Bewirtschaften von Äckern in Familienverbänden, Konflikte mit Nachbarn, die ohnehin weit entfernt lebten, versprachen keinen Vorteil. Es gibt kaum Hinweise auf hierarchische Organisation und, anders als bei den Nordleuten, überhaupt keine auf interne Kriegshandlungen. Die Angreifer etablierten zunächst die Praxis, jedes Jahr wiederzukehren und den Bauern ihre Ernte gewaltsam abzunehmen; nicht alles, denn dann wäre in den Folgejahren nichts mehr zu holen gewesen. Man ließ ihnen also das, was sie zum Leben brauchten. Durch die jährliche Wiederholung desselben Vorgangs entwickelte sich eine Gewohnheit, die allmählich einen  rechtsähnlichen Status entstehen ließ: Nachdem die Bauern zunächst vergeblich versucht hatten, die Angriffe abzuwehren, ergaben sie sich in ihr Schicksal und lieferten  ihren Überschuß  jedes Jahr freiwillig und kampflos als Tribut ab. Dafür traten die Angreifer nun als Schutzherren auf, die die Sicherheit „ihrer“ Bauern garantierten. In einem nächsten Schritt kam es zur räumlichen Vereinigung der beiden Parteien.  Die Eroberer wurden im Land der Bauern seßhaft und ließen sich an befestigten, strategisch wichtigen Punkten nieder. Sie traten nun auch als Schiedsrichter bei Streitigkeiten zwischen den Bauern auf.  Schließlich etablierte sich eine geschichtete, neue Bevölkerung mit gemeinsamer Identität. So entstand die Trichterbecherkultur (4.400-2.700 vor der Zeitenwende).

    Feudalherrschaft

    Die neue Gesellschaftsform, die aus der Symbiose zweier Völker entstanden war, erwies sich als Meilenstein in der Geschichte menschlicher Kultur. Eine technische Fortschrittsspirale setzte ein, die immer neue  Errungenschaften hervorbrachte. Nie zuvor hatte die Produktivität solche Wachstumsraten erlebt. Die Eroberer, die höchstens 5% der Gesamtbevölkerung ausmachten, bildeten eine Herrenschicht, die nicht für den eigenen Unterhalt arbeiteten mußte, sondern von den Erträgen der Landbevölkerung lebte. Sie nahm das gesamte Land in Besitz und teilte die Bauern zur Bewirtschaftung ein, jeder Bauer hatte eine bestimmte Menge seines Ertrags an die Obrigkeit abzuliefern. Aus dieser Regelung ist eine Institution entstanden, die wir heute Steuern nennen.
    Da nun ein Teil der Bevölkerung sich selbst von der Arbeit freistellte, konnte sich erstmals in der Geschichte ein geistiger Stand entwickeln, der die freie Zeit nutzte, um über technische und kulturelle Verbesserungen nachzusinnen. Weder in der Ertebölle-Kultur noch in der Bandkeramik, wo man sich jeweils unter zumindest ungefähr Gleichen zu arrangieren hatte, war das möglich gewesen. Der ganze Tagesablauf war seit ältester Zeit bestimmt gewesen durch die Notwendigkeit genug Nahrung zu produzieren, um das Überleben der eigenen Familie sicherzustellen. Das war nun anders. Indem die Herren sich darauf beschränkten zu regieren, zu organisieren und Krieg zu führen, entwickelte sich das Prinzip einer durch einen Adel gelenkten Feudalherrschaft. Hier manifestiert sich der Beginn eines Mittelalters, das, unterbrochen nur durch den Aufstieg der antiken Hochkulturen, bis zur französischen Revolution andauern sollte. Noch etwas anderes aber war zugleich entstanden. Ein Gemeinwesen mit gesellschaftlicher Schichtung und Aufgabenteilung, das durch eine Elite gelenkt wird, die von der Arbeit freigestellt ist und politische Entscheidungen trifft ist nichts anderes als: ein Staat!

    Biologische Schichtung

    Jede Gefolgschaft hatte sich im Rahmen der Expansion ein anderes Gebiet unterworfen. Aus den Anführern der kriegerischen Unternehmungen waren oberste Grundherren, Könige geworden, und so existierten zahlreiche Königreiche mehr oder weniger gleichrangig nebeneinander. Die Trichterbecherkultur war also kein zentral organisiertes Gemeinwesen wie die orientalischen Hochkulturen der Frühzeit, sondern ein Siedlungsraum mit vielen nebeneinander existierenden Staaten einheitlicher Kultur. Der Adel, zahlenmäßig nur eine kleine Minderheit, bildete in seiner maßgeblichen Perspektive allein das eigentliche Volk. Die Grenze zwischen den beiden Ständen blieb für sehr lange Zeit unüberwindlich. Wer nicht zum Adel gehörte war unfrei, also ein Sklave, dem Vieh ähnlicher als seinen Herren und deren Willen zunächst willkürlich unterworfen. Die Aufspaltung in Adel und Unfreie war so prägnant, als würden Angehörige zweier Spezies organisiert zusammenleben. Alles andere als das Heiraten innerhalb des eigenen Standes war undenkbar, doch gab es genug Nachbarreiche, die standesgemäßes Heiraten ermöglichten. Mit der Zeit etablierte sich ein Rechtsverhältnis der Ungleichheit, in dem jedem Einzelnen seinem Stand und seiner Stellung entsprechend „das Seine“ zukam. Hätte jemand versucht, Gerechtigkeit auf das Prinzip der Gleichheit unter den Menschen zurückzuführen, wie es heute üblich ist, wäre er von seinen Zeitgenossen ausgelacht worden, denn die Menschen waren doch gar nicht gleich.  „Jedem „das Seine zu geben“, das also, was ihm auf Grund seiner ererbten Zugehörigkeit zu einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht und auf Grund seiner Leistungen für den Staat zukommt, ist lange Zeit der Inbegriff von „Gerechtigkeit“ geblieben.
    Als die indogermanischen Völker viele Jahrhunderte später in der Geschichte faßbar wurden, war die biologisch ausgerichtete Adelsherrschaft in der hier beschriebenen Form nach wie vor fest etabliert. Die Römer beispielsweise unterschieden den Kriegeradel als das eigentliche Volk, populus, vom Plebs, der die große Bevölkerungsmehrheit stellte und rechtlich schlechter gestellt war. Erst die sozialen Auseinandersetzungen, deren Verlauf uns heute wohlbekannt ist, führten allmählich zu einer Verbesserung der sozialen Stellung der Plebs, deren führende Familien sich schließlich als Leistungsadel in der Oberschicht etablieren konnten.

    Jagdprivilegien dokumentieren die Herkunft des Adels

    Die liebste Freizeitgestaltung des Adels war und blieb die Jagd. Die Angehörigen der Ertebölle-Kultur waren Jäger gewesen, bevor sie mit ihren Booten auf Eroberungszüge ausgezogen sind, und diese alte Leidenschaft legten sie niemals ab. Bis in die Neuzeit hinein blieb die zeremonielle Jagd auf Hochwild ein Privileg des Adels,  dem einfachen Volk streng untersagt. Die Unterschiedlichkeit der beiden Menschentypen spiegelte sich auch in der schichtenspezifischen Mentalität: Im Adel dominierten kriegerische Werte, Mut und Tatendrang; Geradlinigkeit, das heißt Übereinstimmung von Reden und Handeln, genoß hohes Ansehen; das Dasein war geprägt durch das Streben nach Herrschaft über Mensch und Natur, Ruhm galt als höchstes Lebensziel. Fleiß, Gehorsam, Ordnung und Zuverlässigkeit wurden die höchsten Tugenden der Untertanen.
     

    [mehr erfahren Sie in der aktuellen Ausgabe 2/2017]

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